Am Demeter Kräuterhof Roßnagl im Waldviertel zeigen Christian und Sabine Rossnagl, wie vielfältig und eigenständig Landwirtschaft sein kann. Auf ihren Feldern wachsen alte Getreidesorten wie Emmer, Einkorn und Rotweizen, in den Gärten gedeihen hochwertige Tee- und Gewürzkräuter – alles biodynamisch kultiviert, schonend verarbeitet und von Hand verpackt. Ein Hof, der für echte Kreislaufwirtschaft steht und standortangepasste Lebensmittel schafft.
„Wir sehen das Ganzheitliche. Landwirtschaft muss wieder Landwirtschaft sein dürfen.“
Christian & Sabine Rossnagl
Der Demeter Kräuterhof Rossnagl von Christian und Sabine Rossnagl liegt in Horn im Waldviertel. Ein klassischer Bauernhof auf den ersten Blick – und doch einer, der vieles bewusst anders macht. Umgedacht wurde hier früh: Bereits 1994 stellten Christians Eltern auf biologische Landwirtschaft um. Nicht aus einem Trend heraus, sondern aus dem Bewusstsein, wie stark sich die industrialisierte Landwirtschaft von natürlichen Kreisläufen entfernt hatte – und aus der persönlichen Erfahrung, wie negativ sich industrielle Methoden auf die Qualität von Lebensmitteln auswirkten.
Konventionelle Bewirtschaftung bedeutete Abhängigkeiten: Spritzmittel, Saatgutkataloge samt chemischem Begleitprogramm. Für Christians Vater, einen Quereinsteiger, wurde zunehmend klar, dass dieses System nicht mehr zu ihren Werten passte. „Wollen wir das wirklich – alles, was wir tun?“, fragte er sich. Die Umstellung auf Bio war die logische Konsequenz.
2003 kehrte Christian auf den Hof zurück und übernahm den Betrieb im Vollerwerb. „Für uns war immer klar: Wir sind Bauern – oder wir sind es nicht“, sagt er. Schon zwei Jahre später stellte er gemeinsam mit einer kleinen Gruppe befreundeter Landwirte auf Demeter um. Aus sechs Betrieben wurden im Lauf der Jahre zehn – eine biodynamische Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.
Für Christian war klar: Landwirtschaft muss wieder zum Standort, zur Region passen. Heute wachsen auf den Feldern Rotweizen, Emmer, Einkorn, Dinkel, Nacktgerste und schwarzer Hafer – alte Getreidesorten, die sich im Waldviertel bewähren und genetische Vielfalt erhalten. „Mit modernen Mitteln kann man Sorten überall anbauen“, sagt Christian. „Aber die alten Sorten passen zu unserer Region. Sie gehören hierher.“
Die Nachfrage der Kund:innen bestätigt diesen Weg. Viele suchen gezielt nach ursprünglichen, standortangepassten Getreiden. Verarbeitet wird alles direkt am Hof – in einer Osttiroler Steinmühle, die besonders schonend mahlt. Daraus entstehen Mehle in verschiedenen Mahlgraden, Grieß, Getreidereis, Flocken, Kleie sowie Müsli- und Porridge-Mischungen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf gekeimtem Getreide. Beim Keimen baut das Korn seine natürliche Schutzschicht ab, wird bekömmlicher und leichter verdaulich. Die gekeimten Porridge-Mischungen gehören heute zu den charakteristischen Produkten des Hofes.
Christian spricht oft über die Differenz zwischen Landwirtschaft und industriellen Erwartungen: „Die Erwartungshaltung ist eine industrielle, keine landwirtschaftliche. Alles soll immer gleich sein. Aber das können wir nicht – und das wollen wir nicht.“ Dass sein Getreide die Witterung des Jahres widerspiegelt, ist für ihn kein Makel, sondern Teil der Qualität. Mit Abnehmern wie der Bio-Bäckerei Joseph verbindet ihn das Verständnis, mit einem Naturprodukt zu arbeiten, das Jahrgang und Standort zeigen darf.
Der zweite große Schwerpunkt des Hofes liegt bei den Kräutern – Sabines Bereich. Die ausgebildete Kräuterpädagogin baut seit rund 15 Jahren Tee- und Gewürzkräuter an, zunächst für Sonnentor, später für eigene Mischungen. Die Zusammenarbeit mit Sonnentor beschreibt sie als „Partnerschaft auf Augenhöhe“ – mit hohen Qualitätsstandards: Getrocknet wird niemals über 43 Grad, damit ätherische Öle und Inhaltsstoffe erhalten bleiben.
Sabine entwickelt Teemischungen, Gewürze, Räuchermischungen und Oxymel aus dem Honig der eigenen Bienen. Der Honig wird darüber hinaus für kleinere Kosmetikansätze am Hof genutzt – Teil eines Kreislaufgedankens, bei dem möglichst alles verwertet wird. Viele Rezepturen entstehen am Küchentisch. „Wir kochen viel, wir essen viel. Und wir geben nur das weiter, was wir selbst gerne essen“, sagt sie. Das, so findet sie, macht den geschmacklichen Unterschied. Alle Produkte werden zudem am Hof von Hand verpackt.
Neben den alten Getreidesorten sowie den Tee- und Gewürzkräutern kultiviert der Hof auch Pseudogetreide, Ölsaaten und Hülsenfrüchte – eine vielfältige Fruchtfolge, die zur Bodenfruchtbarkeit beiträgt und dem biodynamischen Anspruch entspricht, den Hof als Organismus zu begreifen.
Für Christian und Sabine ist dieser Hof tatsächlich ein lebendiger Organismus. Bodenfruchtbarkeit steht an oberster Stelle: Was dem Boden entnommen wird, wird wieder zurückgegeben. Ihr Ansatz folgt einem bäuerlichen Grundprinzip, das heute aktueller ist denn je: Kreislauf statt Produktionskette. Christian bringt es auf den Punkt: „Wir sehen das Ganzheitliche. Landwirtschaft muss wieder Landwirtschaft sein dürfen.“