Wien

Weinbau H. P. Göbel

Ein Weingarten muss für Hans Peter und Fridolin Göbel keine Monokultur sein. In Wien-Stammersdorf denken sie den Gemischten Satz deshalb weiter: als Zusammenspiel unterschiedlicher Rebsorten, Bäume, Wiesen und anderer Lebewesen. So wird Vielfalt zum Prinzip – im Weingarten ebenso wie im Keller.

„Wir verstehen unsere Weingärten in ihrer Gesamtheit als „Gemischten Satz“, in dem neben unterschiedlichen Rebsorten auch viele andere Lebewesen Platz finden.“

Hans Peter und Fridolin Göbel

Für Hans Peter und Fridolin Göbel ist der Gemischte Satz weit mehr als eine Wiener Weinspezialität. Er steht für eine Vorstellung von Landwirtschaft, in der Vielfalt nicht nur zwischen den Rebstöcken, sondern im gesamten Weingarten Platz hat. In Wien-Stammersdorf führen Vater und Sohn ihren kleinen Weinbaubetrieb in dritter beziehungsweise vierter Generation. Seit 2015 ist das Weingut bio-zertifiziert.

In ihren Weingärten wachsen zahlreiche Rebsorten nebeneinander: klassische Wiener Weißweinsorten für den Gemischten Satz ebenso wie Burgunder, Riesling und Grüner Veltliner. Daneben spielen auch Rotweine eine wichtige Rolle, vor allem Zweigelt und Pinot Noir, für die die Stammersdorfer Böden gute Voraussetzungen bieten.

In den vergangenen Jahren kamen pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sogenannte PIWIs, hinzu. Sie ermöglichen es, die Eingriffe im Weingarten weiter zu reduzieren und eröffnen zugleich Raum für neue Anbauformen und Mischkulturen. Denn Hans Peter und Fridolin beschäftigt eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich die Monokultur Weinbau wieder vielfältiger gestalten? „Gerade das Aufbrechen der Monokultur Weingarten liegt uns besonders am Herzen“, sagen sie.

Eine Antwort darauf liefert für sie der Wiener Gemischte Satz selbst. Unterschiedliche Rebsorten wachsen gemeinsam in einem Weingarten, werden gemeinsam gelesen und verarbeitet. Hans Peter und Fridolin übertragen dieses Prinzip auf den gesamten Lebensraum. „Wir verstehen den Gemischten Satz dabei nicht nur als eine Kombination unterschiedlicher Rebsorten im Garten und in der Flasche“, erklären sie. Vielmehr möchten sie ihre Weingärten in ihrer Gesamtheit als „Gemischten Satz“ begreifen, in dem neben unterschiedlichen Rebsorten auch viele andere Lebewesen Platz finden.

In der Ried Breiten haben sie deshalb an der Westseite ihrer Weingärten eine Streuobstwiese angelegt. Die hochstämmigen Obstbäume sollen nicht allein Früchte liefern, sondern gemeinsam mit Wiese und Reben ein vielfältiges Ökosystem bilden. Auch direkt zwischen den Rebflächen wurden bereits Bäume gepflanzt, weitere sollen folgen. Ihr Schatten kann die Rebflächen im Sommer kühlen, das Laub trägt zum Humusaufbau bei, und über die Wurzeln werden Mykorrhiza-Netzwerke gestärkt. Langfristig möchten Hans Peter und Fridolin dieses System auch um Nutztiere erweitern.

Dass sie den Gemischten Satz nicht nur landwirtschaftlich verstehen, hat auch mit ihrem Arbeitsort zu tun. „Wein in der Großstadt Wien zu machen, bedeutet auch, sich auf eine vielstimmige und diverse Kultur einzulassen, Einflüsse von überall her wahrzunehmen und diese im eigenen Tun widerzuspiegeln.“ Vielfalt ist für Hans Peter und Fridolin damit zugleich ein ökologischer und gesellschaftlicher Gedanke.

Auch im Keller versuchen sie, möglichst viel von der Eigenart ihrer Weingärten und Jahrgänge zu erhalten. Statt nach einem festen Schema zu arbeiten, gehen sie „weniger dogmatisch als vielmehr neugierig“ an die Weinbereitung heran. Die Weine vergären überwiegend spontan und kommen mit möglichst wenig oder teilweise ganz ohne zugesetzten Schwefel aus. „Spontan vergorene Weine sind uns die Liebsten“, sagen Hans Peter und Fridolin, weil sie für sie besonders ausdrucksstark sind und die Vielfalt ihrer Region auch in Keller und Flasche bringen.

Auch Weißweine dürfen mitunter auf der Maische bleiben – manchmal nur einige Stunden, manchmal ein oder zwei Wochen oder bis zum Ende der Gärung. Ausgebaut werden die Weine je nach Stil in gebrauchten und gelegentlich neuen Holzfässern oder, bei frischeren und leichteren Weinen, im Stahltank. Die große Zahl an Rebsorten und unterschiedlichen Verarbeitungsweisen führt zu vielen kleinen Partien. Von manchen Weinen entsteht gerade einmal ein Fass pro Jahr.

So gleicht kaum ein Jahrgang dem vorherigen. Was in einem Jahr funktioniert, kann im nächsten bereits wieder anders aussehen. „So ist jeder Jahrgang ein Experiment, im nächsten Jahr kann alles wieder anders kommen. Das macht unsere Arbeit nicht unbedingt einfacher, aber umso spannender“, sagen Hans Peter und Fridolin.

Auf einen Blick

Produzent:in

Weinbau H. P. Göbel

bio-zertifiziert

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