Blog, 15.10.2026

Bio ist erst der Anfang: Urs Niggli über die Zukunft der Landwirtschaft

Der Biolandbau hat die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert und wichtige Maßstäbe für eine ökologische Lebensmittelproduktion gesetzt. Doch wie können wir auf diesen Errungenschaften aufbauen, um unser Ernährungssystem noch nachhaltiger und gerechter zu gestalten? In seinem neuen Buch „Was kommt nach Bio? Agrarökologie für alle“ sucht der Agrarwissenschaftler und langjährige Bio-Pionier Urs Niggli nach Antworten – und liefert zahlreiche Denkanstöße für die Zukunft unserer Landwirtschaft.

Urs Niggli hat einen großen Teil seines Berufslebens damit verbracht, den Biolandbau voranzubringen. Drei Jahrzehnte lang leitete er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), forschte, beriet und setzte sich für dessen wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung ein. Nun hinterfragt er ausgerechnet jenes System, das er selbst maßgeblich mitgeprägt hat. Nicht, weil er nicht mehr an Bio glaubt. Sondern weil er überzeugt ist, dass es für die Herausforderungen unserer Zeit noch mehr braucht.

Was einst als innovative Bewegung begann, sei zunehmend zu einem komplexen Regelwerk geworden, das Betrieben wenig Spielraum lasse. Heute stehe vielfach die Einhaltung von Vorschriften stärker im Mittelpunkt als die tatsächliche Wirkung landwirtschaftlicher Praktiken auf Böden, Pflanzen, Tiere und Menschen. Zugleich erkennt Urs Niggli an, dass verbindliche Bio-Standards Vertrauen geschaffen und wesentlich zur gesellschaftlichen Anerkennung des Biolandbaus beigetragen haben.

Hinter dieser Entwicklung stehen unzählige Bauern und Bäuerinnen, die neue Wege erprobt und wichtige Grundlagen für eine ökologischere Landwirtschaft geschaffen haben. Auch viele Slow Food Produzent:innen wirtschaften seit Jahrzehnten aus Überzeugung biologisch. Die Zertifizierung ist für sie ein wichtiger Nachweis ihrer Arbeit, aber längst nicht alles, was sie auszeichnet: Sie erhalten alte Sorten und gefährdete Nutztierrassen, fördern die Biodiversität, verarbeiten ihre Rohstoffe handwerklich und stärken regionale Lebensmittelnetzwerke. Ihr Engagement zeigt, wie viel über verbindliche Bio-Standards hinaus möglich ist.

Agrarökologie als Weg in die Zukunft?

Doch kann der Biolandbau allein die ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen? Urs Niggli bezweifelt das. Er verweist auf die begrenzte globale Verbreitung biologischer Landwirtschaft und die Abhängigkeit von höheren Produktpreisen, zahlungskräftigen Konsument:innen und staatlichen Förderungen. Ökologische Verbesserungen müssten auf möglichst vielen Betrieben möglich werden, unabhängig von ihrer bisherigen Wirtschaftsweise.

Als Perspektive stellt er die Agrarökologie vor: einen Ansatz, der Landwirtschaft als lebendiges System versteht und wissenschaftliche Erkenntnisse mit bäuerlichem Erfahrungswissen verbindet und der im Slow Food Kontext schon länger diskutiert wird. Gesunde Böden, geschlossene Nährstoffkreisläufe, Biodiversität und standortangepasste Bewirtschaftung stehen im Mittelpunkt. Statt nur die Einhaltung einzelner Vorschriften zu kontrollieren, sollten tatsächliche ökologische Leistungen stärker anerkannt und honoriert werden.

Dabei beschreibt Urs Niggli Agrarökologie nicht nur als landwirtschaftliche Praxis, sondern auch als Wissenschaft und soziale Bewegung. Internationale bäuerliche Bewegungen wie La Via Campesina und auch Slow Food verstehen darunter nämlich weit mehr als eine ökologische Produktionsweise. Ernährungssouveränität, faire Einkommen, der Zugang zu Land und Saatgut sowie die Selbstbestimmung bäuerlicher Gemeinschaften gehören untrennbar dazu.

Urs Niggli erkennt diese gesellschaftspolitische Dimension ausdrücklich an, setzt in seinen Lösungsansätzen jedoch stärker auf wissenschaftliche und technologische Innovationen. Besonders persönlich wird das Buch dort, wo er schildert, wie die Begegnung mit der chinesischen Pflanzenforscherin Caixia Gao seine frühere Haltung zur Gentechnik veränderte – und welche heftigen Reaktionen sein Meinungswandel innerhalb der Bio-Bewegung auslöste.

Diese Offenheit für neue Erkenntnisse macht das Buch lesenswert. Zugleich bleibt eine Spannung: Technologische Innovationen können Ressourcen schonen und ökologische Verbesserungen ermöglichen. Doch wem gehören die Technologien und das Saatgut? Und tragen sie tatsächlich dazu bei, bäuerliche Betriebe unabhängiger zu machen?

Nachhaltigkeit ist eine gesellschaftliche Aufgabe

Besonders überzeugend ist Urs Nigglis Auseinandersetzung mit der Finanzierung nachhaltiger Landwirtschaft. „Menschen kaufen keine Nachhaltigkeitsindikatoren, sie kaufen Geschichten“, schreibt er (S. 127). Bio sei auch deshalb erfolgreich geworden, weil es gelungen ist, die Idee dahinter verständlich zu vermitteln.

Doch eine umfassende Ernährungswende könne nicht allein über höhere Lebensmittelpreise gelingen. Schließlich profitieren wir alle von gesunden Böden, sauberem Wasser und Artenvielfalt. Urs Niggli fordert deshalb, dass „öffentliche Güter auch öffentlich finanziert werden müssen“ (S. 140). Statt ausschließlich einzelne Maßnahmen zu fördern, sollten tatsächliche ökologische Verbesserungen stärker honoriert werden.

Ein wichtiger Gedanke, der allerdings eine weitere Frage aufwirft: Wie berücksichtigen wir jene Leistungen, die sich nur schwer messen lassen? Dazu gehören auch die Erhaltung traditionellen Wissens, handwerkliche Lebensmittelverarbeitung, regionale Esskultur und lebendige Beziehungen zwischen Produzent:innen und Konsument:innen.

„Was kommt nach Bio?“ ist weniger ein klassisches Fachbuch als eine persönliche, wissenschaftlich fundierte und stellenweise provokante Auseinandersetzung mit der Zukunft der Landwirtschaft. Urs Niggli verbindet seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu hinterfragen. Seine internationalen Begegnungen und autobiografischen Einblicke machen das Buch lebendig, auch wenn sein Vertrauen in technologische Lösungen nicht immer alle gesellschaftlichen Fragen überzeugend beantwortet.

Gerade deshalb lohnt sich die Lektüre. Denn die Frage ist nicht, ob wir Bio hinter uns lassen sollten, sondern wie wir auf seinen Errungenschaften aufbauen können. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht ökologische Verantwortung und Raum für Innovation, aber ebenso faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen, bäuerliche Selbstbestimmung und kulturelle Vielfalt.

Oder, um es mit Slow Food zu sagen: gut, sauber und fair – für alle.

Urs Niggli: „Was kommt nach Bio? Agrarökologie für alle“. Residenz Verlag, 2026. ISBN 978-3-7017-3670-6.