Blog, 12.05.2026

Buchempfehlung: „Ab Hof - Kulinarische Landpartien rund um Wien“ von Manuel Zauner

Wo beginnt gutes Essen eigentlich? Im Hofladen, am Feld, in der Backstube – oder vielleicht schon bei der Entscheidung, eine alte Sorte weiter anzubauen? In „Ab Hof Wien“ besucht Journalist und Fotograf Manuel Zauner über 80 kleinstrukturierte Lebensmittelbetriebe rund um Wien und zeigt, wie vielfältig regionale Landwirtschaft heute sein kann. Entstanden ist ein Buch über Geschmack, Direktvermarktung und die Menschen hinter unseren Lebensmitteln. Und eine Einladung, regionale Lebensmittel dort kennenzulernen, wo sie entstehen.

Es beginnt mit einer Erinnerung an saure Äpfel. An jene knackigen Früchte von alten Streuobstwiesen, die viele aus ihrer Kindheit kennen – intensiv im Geschmack, manchmal fast zu sauer, um sie aufzuessen, und gerade deshalb unvergesslich. Für den Journalisten und Fotografen Manuel Zauner wird diese Erinnerung zum Ausgangspunkt einer kulinarischen Suche. Einer Suche nach Lebensmitteln mit Charakter, nach Vielfalt jenseits standardisierter Supermarktregale und nach Menschen, die Lebensmittel nicht als austauschbare Ware verstehen.

Entstanden ist daraus „Ab Hof“ – ein Buch, das weit mehr ist als ein kulinarischer Reiseführer. Auf über 80 Höfen, in Gärtnereien, Käsereien, Marktgärtnereien und kleinen Lebensmittelmanufakturen im Umkreis von rund 150 Kilometern rund um Wien begegnet Manuel Zauner Produzent:innen, die mit handwerklichem Wissen, viel Eigeninitiative und großer Beharrlichkeit Lebensmittelkultur lebendig halten.

Dabei liegt die Stärke des Buches gerade darin, dass es Landwirtschaft nicht romantisiert. Die porträtierten Betriebe könnten unterschiedlicher kaum sein. Manche arbeiten hoch spezialisiert, andere experimentieren mit solidarischer Landwirtschaft, seltenen Gemüsesorten oder alten Tierrassen. Einige Höfe wirken beinahe archaisch, andere hochmodern. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine Haltung: die Entscheidung für Qualität statt Masse, für Vielfalt statt Vereinheitlichung und für direkte Beziehungen zwischen Produzent:innen und Konsument:innen.

Die allermeisten der vorgestellten Betriebe arbeiten biologisch oder biodynamisch. Andere wirtschaften zwar ohne Zertifizierung, aber mit ebenso hohen Ansprüchen an Bodenfruchtbarkeit, Tierwohl und Verarbeitung. Immer wieder wird dabei sichtbar, wie eng Geschmack mit Landwirtschaft verbunden ist. Alte Obstsorten, samenfeste Gemüse, Rohmilchkäse oder Fleisch alter Rassen erzählen nicht nur von kulinarischer Vielfalt, sondern auch von regionalem Wissen und Biodiversität.

Genau darin liegt auch die große Nähe zur Slow Food Philosophie. „Ab Hof“ macht greifbar, was mit „gut, sauber und fair“ gemeint ist. Gut, weil Lebensmittel hier wieder Geschmack und Eigenheit entwickeln dürfen. Sauber, weil viele der Betriebe ressourcenschonend und im Einklang mit Boden und Jahreszeiten arbeiten. Fair, weil Direktvermarktung oft die Voraussetzung dafür ist, kleinstrukturierte Landwirtschaft wirtschaftlich überhaupt möglich zu machen.

Besonders spannend ist außerdem der Blick auf eine neue Generation von Produzent:innen. Viele der porträtierten Menschen sind Quereinsteiger:innen oder haben bewusst andere berufliche Wege verlassen, um Landwirtschaft neu zu denken. Sie bauen seltene Sorten an, arbeiten mit regenerativen Methoden, kultivieren Wintergemüse oder verbinden Landwirtschaft mit Bildungsarbeit, Gastronomie und Gemeinschaftsprojekten. Dadurch entsteht ein sehr lebendiges Bild davon, wie vielfältig regionale Lebensmittelproduktion heute sein kann.

Das Buch versteht sich dabei nicht nur als Sammlung von Hofporträts, sondern auch als Einladung, selbst loszufahren. Die vorgestellten Betriebe lassen sich mit Wanderungen, Badeausflügen oder Fahrradtouren verbinden. Viele verkaufen direkt ab Hof, manche bieten Führungen, Workshops oder Übernachtungen an. Dadurch entsteht ein Zugang zu Lebensmitteln, der weit über den Einkauf hinausgeht. Man begegnet nicht nur Produkten, sondern auch Landschaften, Arbeitsweisen und Menschen.

Ergänzt werden die Reportagen durch 30 saisonale Rezepte von Alexander Rieder. Auch sie orientieren sich konsequent an dem, was die jeweiligen Höfe hervorbringen. Die Küche bleibt dabei angenehm unkompliziert und produktorientiert. Nicht Perfektion steht im Vordergrund, sondern die Freude daran, mit frischen, vielfältigen Zutaten zu kochen und den Geschmack der Jahreszeiten wieder ernster zu nehmen.

Besonders gelungen ist, dass „Ab Hof“ nicht belehrend wirkt. Das Buch argumentiert nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern über konkrete Erfahrungen, Geschmäcker und Begegnungen. Gerade dadurch vermittelt es sehr eindrücklich, warum Vielfalt auf Feldern und in Küchen so wertvoll ist – kulturell, ökologisch und kulinarisch.

„Ab Hof Wien“ ist deshalb vor allem ein Buch über Beziehungen: zwischen Stadt und Land, zwischen Produzent:innen und Konsument:innen, zwischen Geschmack und Herkunft. Und vielleicht auch ein Buch darüber, wie viele gute Lebensmittel direkt vor unserer Haustüre entstehen – wenn man bereit ist, sich auf die Suche zu machen.

Auf einen Blick: 

  • Titel: Ab Hof Wien: Kulinarische Landpartien rund um Wien – mit 30 Rezepten
  • Autor: Manuel Zauner
  • Verlag: Anton Pustet Verlag
  • ISBN-Nummer: 978-3-7025-1201-9 
  • mit über 80 Ab Hof-Betriebe in einem Umkreis von 150 km rund um Wien
  • mit Reportagen, Ausflugstipps, saisonalen Rezepten und Themen-Specials
  • hier erhältlich