Mit Carlo Petrini verliert die Welt nicht nur den Gründer von Slow Food, sondern eine der prägendsten Stimmen für eine gerechtere, nachhaltigere und menschlichere Zukunft unseres Ernährungssystems. Wir blicken zurück auf sein Leben und Wirken.
„Wer Utopien sät, wird Realität ernten.“
Carlo Petrini
Geboren 1949 in Bra im italienischen Piemont, war Carlo Petrini Gastronom, Journalist, Autor und unermüdlicher Verfechter einer Lebensmittelkultur, die Genuss, Verantwortung und Gemeinschaft miteinander verbindet. Schon früh erkannte er, dass Essen niemals nur Konsum ist, sondern immer auch Ausdruck von Kultur, Identität, Landwirtschaft, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
Am 26. Juli 1986 wurde Arcigola gegründet – die Organisation, aus der später Slow Food Italien hervorging. Was als kleine Bewegung im italienischen Piemont begann, entwickelte sich rasch zu einem internationalen Netzwerk. Am 9. Dezember 1989 wurde in Paris das Slow Food Manifest von Delegationen aus aller Welt unterzeichnet. Carlo Petrini wurde zum Präsidenten gewählt – eine Rolle, die er bis 2022 innehatte.
Von Beginn an verstand Petrini Slow Food nicht nur als Organisation, sondern als gesellschaftliche Bewegung. Mit dem Leitsatz „gut, sauber und fair“ formulierte er eine Philosophie, die Menschen über kulturelle und geografische Grenzen hinweg verbinden sollte. Essen wurde damit neu gedacht: nicht bloß als Nahrung, sondern als Frage der ökologischen Nachhaltigkeit, kulturellen Identität und sozialen Verantwortung.
Unter seiner Führung entwickelte sich Slow Food von einer kleinen Gruppe von Freund:innen zu einer weltweiten Bewegung in mehr als 160 Ländern.
Zu den bedeutendsten Initiativen Carlo Petrinis zählt die Terra Madre, die erstmals 2004 organisiert wurde. Die internationale Zusammenkunft von Bäuer:innen, Fischer:innen, Lebensmittelhandwerker:innen, Köch:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen gab jenen Menschen eine Stimme, die im globalen Ernährungssystem oft übersehen werden.
Terra Madre wurde zum Herzstück der Slow Food Bewegung – ein Ort des Austauschs, der Solidarität und der gemeinsamen Suche nach Lösungen für die Zukunft unseres Ernährungssystems.
Petrini war überzeugt davon, dass Veränderung nur gemeinsam gelingen kann. Gleichzeitig glaubte er an die Kraft der Freude, der Gastfreundschaft und des gemeinsamen Essens. Der gedeckte Tisch war für ihn immer auch ein Ort der Begegnung und des gesellschaftlichen Dialogs.
Mit der Gründung der Universität der Gastronomischen Wissenschaften in Pollenzo schuf Carlo Petrini die weltweit erste akademische Institution, die Lebensmittel interdisziplinär betrachtet. Dort werden ökologische, kulturelle, historische, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge von Ernährung erforscht und vermittelt.
Die Universität bildete seit ihrer Gründung rund 4.000 Gastronom:innen aus über 100 Ländern aus und trug maßgeblich dazu bei, Lebensmittelwissenschaften neu zu denken. Petrini setzte sich dafür ein, dass Gastronomie nicht nur als Kulinarik verstanden wird, sondern als gesellschaftlich relevante Disziplin.
Neben seiner Arbeit für Slow Food war Carlo Petrini ein bedeutender publizistischer Denker. Als Journalist schrieb er regelmäßig für große italienische Tageszeitungen wie La Repubblica, La Stampa oder Il Manifesto über nachhaltige Entwicklung, Kultur, Landwirtschaft und Ernährung.
Mit zahlreichen Büchern machte er die Ideen von Slow Food weltweit bekannt. Werke wie „Slow Food Revolution“, „Gut, sauber und fair“ oder „Terra Madre“ prägten die internationale Diskussion über Ernährung, Biodiversität und Nachhaltigkeit entscheidend.
Immer wieder verband Petrini Fragen der Ernährung mit den großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimakrise, soziale Ungleichheit, Verlust kultureller Vielfalt und die Zukunft ländlicher Räume.
Carlo Petrinis Arbeit wurde weltweit gewürdigt. Er erhielt zahlreiche Ehrendoktorate und Auszeichnungen, darunter den „Champion of the Earth Award“ der Vereinten Nationen. 2016 wurde er von der FAO zum Sonderbotschafter für „Zero Hunger“ in Europa ernannt.
Er sprach an renommierten Universitäten, bei internationalen Konferenzen sowie innerhalb der Vereinten Nationen über nachhaltige Ernährungssysteme und die Bedeutung von Biodiversität und kleinstrukturierter Landwirtschaft.
Magazine wie Time bezeichneten ihn als „European Hero“, die britische Zeitung The Guardian führte ihn unter den „50 Menschen, die die Welt retten könnten“.
Auch nach seinem Rückzug als Präsident von Slow Food im Jahr 2022 blieb Carlo Petrini der Bewegung eng verbunden. Besonders wichtig war ihm dabei die Übergabe an jüngere Generationen. Immer wieder betonte er, dass die Zukunft von Kreativität, Offenheit und mutigen neuen Ideen getragen werden müsse.
Sein Denken hat die weltweite Diskussion über Ernährung grundlegend verändert. Carlo Petrini verstand Lebensmittel als Schlüssel zu ökologischer Nachhaltigkeit, kultureller Vielfalt und gesellschaftlichem Wandel.
Sein Vermächtnis lebt weiter – in den Gemeinschaften von Slow Food, auf Feldern und Märkten, in Küchen und Universitäten und überall dort, wo Menschen daran arbeiten, ein gutes, sauberes und faires Ernährungssystem für alle zu schaffen.