Seit einem Jahrhundert wird in der steirischen Ölmühle Fandler gepresst, getüftelt und weitergedacht. Vier Generationen haben den Familienbetrieb geprägt, neue Wege eingeschlagen und dabei an ihrem Anspruch an Qualität festgehalten. Zum 100-jährigen Bestehen spricht Julia Fandler über die Bedeutung von handwerklichem Wissen, langfristigen Beziehungen zur Landwirtschaft und die Frage, was uns gute Lebensmittel heute eigentlich wert sind.
Seit 100 Jahren werden im steirischen Pöllau Öle gepresst. Was 1926 als Familienbetrieb begann, hat sich über vier Generationen zu einer auf Bio-Öle spezialisierten Manufaktur entwickelt. Julia Fandler setzt dabei auf langfristige Beziehungen zur Landwirtschaft, handwerkliches Wissen und Qualität statt Masse. Doch was bedeutet es heute, Lebensmittel mit diesem Anspruch herzustellen – in einer Gesellschaft, die Nachhaltigkeit fordert und zugleich möglichst billig einkaufen möchte?
„Wir denken und handeln in Generationen, nicht in Quartalszahlen“, sagt Julia Fandler. Seit 2006 führt sie die Ölmühle Fandler in vierter Generation. Das 100-jährige Bestehen des Familienunternehmens ist für sie nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch Anlass, über Verantwortung nachzudenken: gegenüber den rund 40 Mitarbeiter:innen und ihren Familien, gegenüber der Landwirtschaft und gegenüber kommenden Generationen.
1926 kaufte ihr Urgroßvater Martin Schirnhofer die Sommerhofmühle im Pöllauer Tal. Das Geld dafür hatte er sich von seiner Schwester in Knittelfeld geliehen und die rund 110 Kilometer zurück nach Pöllau zu Fuß zurückgelegt, den Kaufpreis im Rucksack. Seine Tochter Juliana übernahm bereits als 14-Jährige Verantwortung im Betrieb. Ihr Sohn Robert Fandler wiederum erkannte in den 1980er-Jahren das Potenzial biologisch produzierter Lebensmittel. Mit einem Koffer voller Öle fuhr er auf dem Fahrrad durch österreichische Städte, um Menschen für seine Produkte zu begeistern. Die Verarbeitung biologischer Rohstoffe wurde zum Fundament des Unternehmens, das Julia Fandler nach dem frühen Tod ihres Vaters 2006 übernahm.
Dass sich die Ölmühle bis heute behauptet, liegt auch daran, dass sie vieles anders macht als die industrielle Ölproduktion. Statt auf möglichst hohe Ausbeute setzt Fandler auf traditionelle Stempelpressen und schonende Verarbeitung. Die Saaten und Nüsse werden zerkleinert, je nach Rohstoff behutsam erwärmt und anschließend mechanisch gepresst. Wie viel Erfahrung darin steckt, zeigt Produktionsleiter und Pressmeister Peter Schloffer beim Rundgang durch die Mühle. Jeder Rohstoff verhält sich anders. Wann der richtige Moment zum Pressen gekommen ist, hängt nicht nur von Messwerten ab, sondern auch vom Fingerspitzengefühl der Mitarbeiter:innen.
Das Ergebnis sind Öle mit ausgeprägtem Eigengeschmack. „Bei uns gibt es kein neutrales Öl“, sagt Julia Fandler. Dass kaltgepresstes Sonnenblumenöl tatsächlich nach Sonnenblumenkernen schmeckt, überrascht viele Menschen, die nur raffiniertes Öl kennen. Haselnussöl entfaltet einen intensiven Duft, Camelinaöl aus Leindotter erinnert in der Nase an Erbsen oder Kohlrabi. Für Julia Fandler gehört es deshalb zur Arbeit, Menschen wieder an die geschmackliche Vielfalt von Lebensmitteln heranzuführen. „Wir leben davon, dass die Menschen nicht immer das Gleiche essen, sondern sich auch mal über etwas Neues drübertrauen.“
Dieser Entdeckergeist prägt die Familiengeschichte. Neue Rohstoffe wurden ausprobiert, Pressverfahren angepasst und ungewöhnliche Öle entwickelt. „Wenn wir das Gleiche machen würden wie alle, würde es uns nicht brauchen“, sagt Julia Fandler.
Doch auch das größte handwerkliche Können kann aus schlechten Rohstoffen kein gutes Öl machen. Deshalb beginnt die Qualitätsarbeit bei Fandler lange vor der Pressung. Mit manchen landwirtschaftlichen Betrieben bestehen seit vier Jahrzehnten Beziehungen. Auf rund 500 Hektar österreichischer Vertragsflächen werden Rohstoffe für die Ölmühle angebaut. Bei regelmäßigen Anbauversammlungen tauschen sich die Beteiligten über Erfolge und Herausforderungen aus.
Auch Lagerung und Frische sind entscheidend. Im gekühlten Rohstofflager werden Saaten und Nüsse sorgfältig bevorratet, analysiert und chargenweise bis zur fertigen Ölflasche rückverfolgbar dokumentiert. Viele Öle werden erst wenige Wochen vor dem Verkauf gepresst. Das empfindliche Leinöl wird sogar täglich frisch produziert.
Sorgsamer Umgang mit Rohstoffen bedeutet auch, möglichst viel davon zu nutzen. Die beim Pressen zurückbleibenden Presskuchen wurden früher vor allem als Tierfutter abgegeben. Heute entstehen daraus unter anderem protein- und ballaststoffreiche Mehle aus Kürbiskernen, Mandeln oder Haselnüssen. So wird aus einem vermeintlichen Nebenprodukt ein eigenständiges Lebensmittel.
Bei aller Freude über das Jubiläum beschäftigt Julia Fandler eine grundsätzliche Frage: Welchen Wert messen wir Lebensmitteln heute tatsächlich bei? Die Anforderungen an Produzent:innen steigen, Bio, Nachhaltigkeit, Tierwohl und faire Arbeitsbedingungen werden zunehmend eingefordert. Gleichzeitig soll das Essen möglichst wenig kosten. „Wir sind alle groß mit Forderungen, aber was ist mein Beitrag?“, fragt Julia Fandler.
Besonders die fehlende Wertschätzung für die Landwirtschaft bereitet ihr Sorgen. Wer ökologisch wirtschaftet, langfristige Beziehungen aufbaut und handwerkliche Verfahren erhält, braucht auch entsprechende wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Verantwortung lässt sich nicht allein an die Produzent:innen delegieren. Sie betrifft ebenso Handel, Politik und Konsument:innen.
Für die Ölmühle Fandler bedeutet das, den eigenen Weg weiterzugehen, ohne die wirtschaftliche Realität auszublenden. Rund 220.000 Liter Öl werden jährlich produziert, etwa 80 Prozent davon in Österreich verkauft. Wachstum soll dabei zum Unternehmen, zu seinen Menschen und zu den eigenen Ansprüchen passen.
100 Jahre Ölmühle Fandler zeigen, wie viel Veränderung notwendig ist, um den eigenen Grundsätzen treu zu bleiben. Von der traditionellen Mühle über die Bio-Pionierarbeit bis zur heutigen Manufaktur hat jede Generation neue Antworten auf die Herausforderungen ihrer Zeit gefunden. Die Frage für die Zukunft reicht jedoch weit über Pöllau hinaus: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Betriebe, die auf Qualität, Handwerk und verantwortungsvolle Landwirtschaft setzen, auch in den nächsten 100 Jahren bestehen können?