Von der EU-Agrarpolitik über Saatgut und Biodiversität bis zum Recht auf gute Ernährung: Viele Entscheidungen über unsere Lebensmittel werden in Brüssel getroffen. Wie bringt sich Slow Food in die europäische Politik ein? Ein Einblick in die Arbeit unseres Brüsseler Büros, sechs konkrete Forderungen an die EU und aktuelle politische Entwicklungen.
Welche Landwirtschaft wird mit EU-Geldern unterstützt? Unter welchen Bedingungen dürfen traditionelle Saatgutsorten weitergegeben werden? Wer entscheidet über die Zulassung neuer Gentechnik? Und welche Lebensmittel kommen in Schulen und Krankenhäusern auf den Teller? Viele Entscheidungen, die unseren Umgang mit Lebensmitteln prägen, werden auf europäischer Ebene getroffen. Sie betreffen Bauern und Bäuerinnen ebenso wie Lebensmittelhandwerker:innen, Gastronom:innen und letztlich uns alle.
Wir als Slow Food setzen uns deshalb nicht nur auf Märkten, in regionalen Gemeinschaften und gemeinsam mit unseren Produzent:innen und Gastronom:innen für gute, saubere und faire Lebensmittel ein. Wir mischen uns auch dort ein, wo die politischen Spielregeln dafür gemacht werden. Seit 2013 ist Slow Food International dafür mit einem eigenen Büro in Brüssel vertreten.
In Brüssel arbeiten unter anderem Marta Messa, Generalsekretärin von Slow Food International, und Giulia Gouet aus dem europäischen Advocacy-Team daran, die Anliegen der Slow Food Bewegung in die europäische Politik einzubringen.
Dazu gehört, Gesetzesvorhaben frühzeitig zu verfolgen, Vorschläge der Europäischen Kommission zu prüfen und Stellungnahmen zu erarbeiten. Das Team beteiligt sich an öffentlichen Konsultationen, spricht mit Abgeordneten des Europäischen Parlaments und anderen politischen Entscheidungsträger:innen und arbeitet eng mit europäischen Organisationen zusammen, die ähnliche Ziele verfolgen.
Die Themen reichen von der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) über den Schutz der Biodiversität und das europäische Saatgutrecht bis zur Regulierung neuer Gentechnik, fairen Handelsbedingungen und der öffentlichen Lebensmittelbeschaffung.
Hinter unseren Forderungen stehen die Erfahrungen von Menschen, die täglich Lebensmittel erzeugen, verarbeiten oder zubereiten. Bauern und Bäuerinnen, Fischer:innen, Lebensmittelhandwerker:innen, Köche und Köchinnen wissen aus ihrer Praxis, wo politische Regelungen helfen, wo sie Schwierigkeiten bereiten und was sich ändern müsste. Dieses Wissen bringt unsere Bewegung auch in Brüssel ein.
Wie das konkret aussehen kann, zeigte sich bei der Terra Madre Europe vom 7. bis 9. Juni 2026 in Brüssel. Slow Food Gemeinschaften aus ganz Europa, darunter auch Vertreter:innen aus Österreich, kamen zusammen, um über die Zukunft unserer Landwirtschaft und Ernährung zu diskutieren. Aus dem Austausch entstanden gemeinsame Forderungen, die anschließend EU-Agrarkommissar Christophe Hansen übergeben wurden.
Sechs Themen standen dabei im Mittelpunkt:
Wie viel europäische Politik mit unserem täglichen Essen zu tun hat, zeigt eine aktuelle Debatte in Brüssel: die Reform der öffentlichen Auftragsvergabe. Schätzungsweise 50 Milliarden Euro werden in der EU jedes Jahr für Lebensmittel in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtungen ausgegeben.
Bei der Vergabe solcher Aufträge spielt der Preis eine große Rolle. Doch sollte nicht ebenso zählen, wie die Lebensmittel erzeugt wurden, ob die landwirtschaftlichen Betriebe fair dafür bezahlt werden und welche Qualität schließlich auf dem Teller landet?
Genau dafür setzen wir uns als Slow Food ein. Bei öffentlichen Ausschreibungen sollen ökologische und soziale Kriterien stärker berücksichtigt werden: biologische Erzeugung, saisonale Lebensmittel, Tierwohl, ernährungsphysiologische Qualität und faire Einkommen für die Produzent:innen. Gleichzeitig sollen auch kleinere und regionale Betriebe bessere Chancen bekommen, öffentliche Einrichtungen zu beliefern.
Im September 2026 hat unser europäisches Advocacy-Team erste Fortschritte in den Reformplänen der Europäischen Kommission begrüßt, aber auch deutlich gemacht, dass es verbindlichere Regeln braucht. Denn öffentliche Küchen versorgen täglich Millionen Menschen und können mit ihren Einkaufsentscheidungen beeinflussen, welche Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion unterstützt wird.
Dass sich auch viele Bürger:innen Veränderungen wünschen, zeigt das EU-geförderte Forschungsprojekt BEAUTIFOOD. Mehr als 2.000 Menschen aus Belgien, Dänemark, Italien, den Niederlanden und Spanien beteiligten sich an Forschungs- und Beteiligungsformaten zur Zukunft unserer Ernährung. Zu den häufig genannten Anliegen gehörten mehr regionale und nachhaltig erzeugte Lebensmittel in öffentlichen Kantinen, weniger Lebensmittelverschwendung und ein besserer Zugang zu gesunden, leistbaren Lebensmitteln. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die gesamte EU, zeigen aber, welche Fragen die beteiligten Menschen besonders beschäftigen.
Auch bei neuen Technologien und Produktionsverfahren mischen wir uns in die europäische Debatte ein. Denn nicht alles, was technisch möglich ist, bringt automatisch Vorteile für Landwirtschaft und Ernährung.
In einem Beitrag zum Welternährungstag im Oktober 2026 stellte Slow Food International deshalb eine grundlegende Frage: Wem kommen Innovationen eigentlich zugute? Neue Technologien können helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen, Ressourcen zu schonen oder die Lebensmittelversorgung zu verbessern. Entscheidend ist aber, ob sie landwirtschaftliche Betriebe und Gemeinschaften stärken oder neue Abhängigkeiten schaffen.
Innovation bedeutet für uns deshalb nicht ausschließlich technischen Fortschritt. Auch die Weiterentwicklung traditioneller Anbaumethoden, die Nutzung regionaler Sorten und die Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit überliefertem Wissen können wichtige Antworten auf die Herausforderungen unserer Ernährungssysteme geben.
Ein weiteres Thema, für das wir uns derzeit auf europäischer Ebene starkmachen, ist das Recht auf Nahrung. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Organisationen unterstützt Slow Food die Europäische Bürger:innen-Initiative „Food is a Human Right for All!“.
Die gemeinsame Forderung: Die EU soll das Recht auf angemessene Nahrung stärker gesetzlich verankern. Denn obwohl ausreichend Lebensmittel produziert werden, haben längst nicht alle Menschen Zugang zu einer gesunden, ausgewogenen und leistbaren Ernährung.
Noch bis zum 7. Jänner 2027 werden dafür europaweit Unterschriften gesammelt. Kommen mindestens eine Million gültige Unterschriften zusammen und werden die erforderlichen Schwellenwerte in mindestens sieben EU-Mitgliedstaaten erreicht, muss sich die Europäische Kommission mit den Forderungen befassen und dazu Stellung nehmen.
Hier kannst du die Europäische Bürgerinitiative unterstützen.
Ob eine alte Getreidesorte weiterhin angebaut werden kann, ob sich eine kleine Hofkäserei wirtschaftlich trägt oder ob in einem Kindergarten frisch und mit guten Zutaten gekocht wird: Dahinter stehen Menschen, die sich jeden Tag für ihre Lebensmittel engagieren. Aber eben auch Gesetze, Förderungen und politische Entscheidungen.
Wir erleben in unserem österreichischen Slow Food Netzwerk, wie viel Wissen, Arbeit und Überzeugung in guten Lebensmitteln steckt. Damit diese Arbeit auch langfristig möglich bleibt, braucht es eine Politik, die kleinstrukturierte Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk und biologische Vielfalt nicht nur anerkennt, sondern unterstützt.
Deshalb sind wir als Slow Food nicht nur dort aktiv, wo Lebensmittel wachsen, verarbeitet und gekocht werden, sondern auch dort, wo über ihre Zukunft entschieden wird.
Du möchtest mehr über unsere Arbeit in Brüssel erfahren? Gibt es ein Slow-Food-EU-Thema, das dich besonders interessiert, oder eine Frage an unser Advocacy-Team? Schreib uns an redaktion@slow-food.at. Wir freuen uns über deine Fragen und Anregungen!